»Deutsche Botschaft hat Mithilfe verweigert« – Kinderraub unter der Militärdiktatur in Argentinien

Journalistin stieß bei Recherchen zu Kindesraub in Argentinien auf Mauer des Schweigens. Gespräch mit Gaby Weber- Von Johannes Schulten | jungeWelt- Nr.300-23.12.10 |- Gaby Weber ist eine deutsche Journalistin mit Wohnsitz in Buenos Aires und Berlin

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Wie sind Sie darauf gekommen, gerade zum Kinderraub unter der Militärdiktatur in Argentinien zu recherchieren?

In der argentinischen Gesellschaft war dieses Thema schon immer ein besonders sensibler Punkt. Der Raub von Kindern wurde sogar von den Amnestiegesetzen ausgenommen, die viele Jahre lang die Strafverfolgung von Menschenrechtsverletzungen ausschlossen. Selbst General Videla und Konsorten saßen wegen des Kindesraubs im Gefängnis. Es wurde aber immer nur ermittelt, wenn ein direkt Betroffener eine Anzeige erstattete. Das hat sich geändert, jetzt wird wirklich ermittelt. So wurden die kompletten Adoptionsakten der »Christlichen Familienbewegung« beschlagnahmt und ausgewertet.
Was haben Unternehmen wie Bayer oder Mercedes Benz Argentinien damit zu tun?

Ich habe selbst die Akten durchgesehen und bin auf mehrere Fälle gestoßen, in denen Manager deutscher Großfirmen unter verdächtigen Umständen Kinder erhielten. Die deutsche Botschaft hat mir leider ihre Mithilfe verweigert. Deshalb habe ich in Deutschland und England recherchiert, was den argentinischen Behörden untersagt ist. Jetzt haben sie jedoch aufgrund meiner Recherchen ein Amtshilfeverfahren eingeleitet. Ziel ist es, die Umstände der Adoption aufzuklären und die Schuldigen zu bestrafen. Was mich aber wundert, ist die zynische Haltung sowohl der deutschen Botschaft in Bue­nos Aires als auch der Bayer AG. Sie scheinen sich im Recht zu fühlen und merken nicht, wie sehr dieses Thema nach so vielen Jahren den Menschen in Argentinien immer noch unter die Haut geht.
Die damaligen Nutznießer der Zwangsadoptionen rechtfertigen sich heute, daß letztere den Kindern genutzt hätten …

Das ist immer das Argument der internationalen Kinderhändler. Aber erstens hätte man die Babys an die Großeltern oder Tanten übergeben können. Zweitens gibt es auch in argentinischen Jugendämtern lange Listen von Adoptionswilligen aus der Mittelschicht, die gut für ein Waisenkind sorgen können. Da sind keine Ausländer mit Scheckheft gefragt. Aber vor allem: Erst läßt man die Eltern als »Terroristen« foltern und ermorden, und dann eignet man sich deren Leibesfrucht an, um ihr den eigenen ideologischen Stempel aufzudrücken. Das Baby kann sich nicht wehren. Das ist ein pures Machtspiel.
Aber die Adoptiveltern haben doch in den über 30 Jahren den Jungen liebgewonnen?

Wahrscheinlich. Aber die Liebe geht wohl nicht so weit, daß sie ihm bei der Wiederherstellung seiner eigenen Identität helfen. Lambert Courth hat auf meine Anfrage sehr aggressiv reagiert, was mir einfallen würde, mich in sein Leben einzumischen. Von Zweifeln oder Fürsorge habe ich nichts gemerkt.

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