Ja wir wollen Demokratie – Interview mit Noam Chomsky

Interview mit Noam Chomsky

Boris Muñoz führte am 12. Februar ein Interview mit Noam Chomsky, Professor für Linguistik am Massachusetts Institute of Technology (MIT), einer der bedeutendsten Intellektuellen der politischen Linken Nordamerikas und ist seit dem Vietnamkrieg als scharfer Kritiker der US-amerikanischen Aussen- und Wirtschaftspolitik weltweit bekannt. Hier der Ausschnitt, der die aktuelle Lage in Ägypten und den Nahen Osten betrifft.

Frage: Ein Teil der arabischen Welt durchlebt zur Zeit eine Flut von Forderungen nach Demokratie. Jetzt hat Mubarak abgedankt. Bedeutet sein Rücktritt eine Veränderung im Machtspiel der Region?

Chomsky: Was jetzt dort geschehen ist, einschliesslich der Abdankung von Mubarak, ist spektakulär. Ich kann mich an nichts dergleichen erinnern. Man kann diese Ereignisse mit dem Geschehen 1989 in Osteuropa versuchen zu vergleichen. Aber es gibt keinen Vergleich damit. Das hat einen Grund. Seinerzeit gab es in Osteuropa einen Gorbatschow, der die Lage steuerte, damit das System lief.

Und die Westmächte unterstützten ihn und halfen ihm. Im Fall Osteuropas unterstützten die Westmächte auch die demonstrierenden Menschen. Im Falle Nordafrikas hat keine westliche Macht die Proteste der Menschen unterstützt. Somit ist der einzig mögliche Vergleich in diesem Rahmen nur mit Rumänien möglich, wo Ceaucescu als schrecklichster der Diktatoren den herzlichsten Schutz der USA und Grossbritanniens bis fast zu seinem Ende genoss.

Was in Tunesien, Jordanien, Jemen und Ägypten geschieht, zeigt ein Niveau an Mut und Entschlossenheit, welches es schwer macht, analoge Situationen zu finden. In Tunesien war das System relativ unter Kontrolle Frankreichs und völlig unterwandert von französischen Geheimdienstagenten. Ägypten demgegenüber hat unter der Kontrolle der USA gestanden, sodass jetzt seine Lage die Interessen der USA direkt berührt. Das ist natürlich nichts Neues.

Es gibt allerdings Meinungsumfragen von seriösen US-Instituten wie The Brookings Institute. Das wird nur kaum veröffentlicht. Daraus ergibt sich, dass in der arabischen Öffentlichkeit das Hassempfinden gegenüber den USA erneut ausserordentlich hoch ist. Nur ca. 10% der Bevölkerung empfinden den Iran als Bedrohung, aber 80-90% der arabischen Bevölkerung meint, dass die grösste Bedrohung für sie von Israel und den USA ausgeht.

Das geht aber noch weiter und sitzt noch tiefer: Eine Mehrheit der Araber denkt sogar, dass es besser wäre, wenn der Iran Atomwaffen hätte. Aber darüber wird absolut nichts veröffentlicht. Der Grund dieser Gedankenlage besteht in der ausgeprägten und tiefen Verachtung und Ablehnung der USA und Israels gegenüber der Demokratie in der arabischen Welt. Die Bevölkerung muss also unter Kontrolle gehalten werden und wir begnügen uns damit, einen Diktator an unserer Seite zu haben, um machen zu können, was wir wollen. Dieses Umfrage-Ergebnis ist wirklich erstaunlich.

Und genau deswegen stellt die gegenwärtige Lage in Ägypten und in der arabischen Welt insgesamt ein Problem für die USA dar. Was da immer wieder bis zum Zeitpunkt von Mubaraks Abdankung abgelaufen ist, ist eine routinemässig ausgeführte Strategie, die immer wieder und wieder umgesetzt worden ist. Denken wir an Marcos auf den Philippinen, an Duvalier auf Haiti, an Suharto in Indonesien. Das heisst, ab einem bestimmten Moment kannst du deinen favorisierten Diktator nicht mehr unterstützen. Du musst ihn beiseite schaffen, zu einem ‚geordneten Übergang‘ aufrufen, deine Liebe für die Demokratie bekunden und versuchen, den alten Status quo schnellstmöglichst wiederherzustellen. Genau dies geschieht gerade in Ägypten, obwohl wir nicht wissen, ob es diesmal funktionieren wird oder nicht.

Es gibt einen offensichtlichen Konflikt zwischen den Massen an demonstrierenden Menschen, die auf der Strasse bleiben und Demokratie fordern einerseits und andererseits jener alten Strategie zur Wiederherstellung der Kontrolle über sie. Diese beiden Bestrebungen widersprechen sich. Was sind nun aber die Möglichkeiten für eine wirkliche Demokratie?

Die Kräfte, die diesen Übergangsprozess überwachen, wollen keine wirkliche Demokratie. Die USA und Europa schrecken dort vor jeder Demokratie zurück, weil diese die Unabhängigkeit bringen könnte. So wird da also vom radikalen Islamismus gesprochen, ohne dass dies irgendeinen Sinn ergibt. Nehmen wir als Beispiel nur mal die USA und Grossbritannien. Sie haben traditionell den islamischen Extremismus gegenüber dem sekulären Nationalismus unterstützt. Das extrem islamistische und fundamentalistische Saudi-Arabien ist ihr engster Verbündete und ausserdem auch das ideologische Zentrum des islamischen Terrorismus. Trozdem ist es unser engster Verbündeter, und Obama verkauft Saudi-Arabien zur Zeit Waffen für 60 Milliarden Dollar!

In Pakistan, der anderen grossen Quelle des islamischen Terrorismus, waren die USA jahrelang eng verstrickt in die Islamisierung des Landes. Präsident Reagan, den heute alle feiern, war völlig einverstanden mit der Diktatur von Zia-ul-Haq, und dies war die übelste Diktatur in einer ganzen Reihe von grausamen Regimes. Und diese Diktatur entwickelte Atomwaffen. Die US-Regierung ging da den ganz anderen Weg der Unterstützung der radikalen Islamisierung mit der Gründung vieler Koranschulen mit Hilfe von Geldern aus Saudi-Arabien. In diesen Schulen wurde nicht gelehrt, sondern die Schüler sollten nur den Koran auswendig lernen und den Dschihad verinnerlichen. Das machte möglich, dass vor kurzem junge Rechtsanwälte die Mörder von Salman Taseer, den Gouverneur von Punjab, feierten und ihnen applaudierten.

Ägypten hat eine neoliberale Periode mit den üblichen Folgen hinter sich: Massenverelendung der Bevölkerung mit dem Anwachsen extremen Reichtums bei den privilegierten Kreisen, einschliesslich der Politikerkaste, der hohen Militärs, der Clans des Finanzkapitals und der Konzerne….

Die Taktik in diesen Tagen zielt darauf ab, die Bevölkerung, die protestierenden Menschen zu ermüden und zu demobilisieren. Die meisten Demonstrationsteilnehmer sind heute in Ägypten die armen Leute. Sie müssen irgendetwas zu Essen auf den Tisch bringen. Nun will man sie besänftigen und spekuliert darauf, dass sie irgendwann aus Hunger und Lebensbedürfnissen wieder in die schreckliche Normalität zurückkehren und sich fügen. Aber bisher ist unklar, ob die Machtorgane die Bevölkerung unter Kontrolle halten können. Die jetzt versuchte Strategie besteht darin, dass die ägyptische Armee die Ordnung mit Unterstützung der Mehrheit der Bevölkerung wiederherstellen soll.

Frage: Was ist Ihre persönliche Erwartung?

Chomsky: Dass die Demonstrationsteilnehmer ihre Ziele erreichen. Denn einige betrügerisch durchgeführte Wahlen mit einem betrügerisch zusammengesetzten Kongress waren in hohem Masse der Auslöser für den Protest. Sie sollen zu freien und sauberen Wahlen aufrufen und aufgrund solcher Wahlen kann sich die ägyptische Gesellschaft auf einen Weg des Wohlstandes für alle begeben. Aber das ist noch ein weiter Weg.

Frage: Hinsichtlich Israel-Palästina – wie verändert sich das Spiel dort?

Chomsky: Die USA haben da schon ihren Plan parat… Das Problem für Israel besteht darin, dass eine neue Regierung Ägyptens beschliessen könnte, keine historisch passive Rolle mehr zu spielen und nicht mehr mit der von den USA aufgepfropften Farce mitspielen will. Dasselbe steht in Jordanien an. Wenn du eine Demokratie hast, dann entscheidet das Volk, nicht mehr der Komplize der politischen Spiele zu sein, welche das Land bisher mitgemacht hat. … Die stärkste öffentliche Unterstützung für Mubarak kam aus Israel und Saudi-Arabien, von den traditionellen Verbündeten, die die Dinge weiter in der bisherigen Ordnung belassen wollen. Der einzige politische Kopf in der Welt, der in den letzten Wochen offen die Demokratie in der Region untersützt hat, ist Recep Tayipp Erdogan, der Ministerpräsident der Türkei. Er hat eine saubere Rolle in all dem Geschehen gespielt.

Interview mit Noam Chomsky
Mittwoch, 16. Februar 2011 , von Freeman um 00:05

Boris Muñoz führte am 12. Februar ein Interview mit Noam Chomsky, Professor für Linguistik am Massachusetts Institute of Technology (MIT), einer der bedeutendsten Intellektuellen der politischen Linken Nordamerikas und ist seit dem Vietnamkrieg als scharfer Kritiker der US-amerikanischen Aussen- und Wirtschaftspolitik weltweit bekannt. Hier der Ausschnitt, der die aktuelle Lage in Ägypten und den Nahen Osten betrifft.

Frage: Ein Teil der arabischen Welt durchlebt zur Zeit eine Flut von Forderungen nach Demokratie. Jetzt hat Mubarak abgedankt. Bedeutet sein Rücktritt eine Veränderung im Machtspiel der Region?

Chomsky: Was jetzt dort geschehen ist, einschliesslich der Abdankung von Mubarak, ist spektakulär. Ich kann mich an nichts dergleichen erinnern. Man kann diese Ereignisse mit dem Geschehen 1989 in Osteuropa versuchen zu vergleichen. Aber es gibt keinen Vergleich damit. Das hat einen Grund. Seinerzeit gab es in Osteuropa einen Gorbatschow, der die Lage steuerte, damit das System lief.

Und die Westmächte unterstützten ihn und halfen ihm. Im Fall Osteuropas unterstützten die Westmächte auch die demonstrierenden Menschen. Im Falle Nordafrikas hat keine westliche Macht die Proteste der Menschen unterstützt. Somit ist der einzig mögliche Vergleich in diesem Rahmen nur mit Rumänien möglich, wo Ceaucescu als schrecklichster der Diktatoren den herzlichsten Schutz der USA und Grossbritanniens bis fast zu seinem Ende genoss.

Was in Tunesien, Jordanien, Jemen und Ägypten geschieht, zeigt ein Niveau an Mut und Entschlossenheit, welches es schwer macht, analoge Situationen zu finden. In Tunesien war das System relativ unter Kontrolle Frankreichs und völlig unterwandert von französischen Geheimdienstagenten. Ägypten demgegenüber hat unter der Kontrolle der USA gestanden, sodass jetzt seine Lage die Interessen der USA direkt berührt. Das ist natürlich nichts Neues.

Es gibt allerdings Meinungsumfragen von seriösen US-Instituten wie The Brookings Institute. Das wird nur kaum veröffentlicht. Daraus ergibt sich, dass in der arabischen Öffentlichkeit das Hassempfinden gegenüber den USA erneut ausserordentlich hoch ist. Nur ca. 10% der Bevölkerung empfinden den Iran als Bedrohung, aber 80-90% der arabischen Bevölkerung meint, dass die grösste Bedrohung für sie von Israel und den USA ausgeht.

Das geht aber noch weiter und sitzt noch tiefer: Eine Mehrheit der Araber denkt sogar, dass es besser wäre, wenn der Iran Atomwaffen hätte. Aber darüber wird absolut nichts veröffentlicht. Der Grund dieser Gedankenlage besteht in der ausgeprägten und tiefen Verachtung und Ablehnung der USA und Israels gegenüber der Demokratie in der arabischen Welt. Die Bevölkerung muss also unter Kontrolle gehalten werden und wir begnügen uns damit, einen Diktator an unserer Seite zu haben, um machen zu können, was wir wollen. Dieses Umfrage-Ergebnis ist wirklich erstaunlich.

Und genau deswegen stellt die gegenwärtige Lage in Ägypten und in der arabischen Welt insgesamt ein Problem für die USA dar. Was da immer wieder bis zum Zeitpunkt von Mubaraks Abdankung abgelaufen ist, ist eine routinemässig ausgeführte Strategie, die immer wieder und wieder umgesetzt worden ist. Denken wir an Marcos auf den Philippinen, an Duvalier auf Haiti, an Suharto in Indonesien. Das heisst, ab einem bestimmten Moment kannst du deinen favorisierten Diktator nicht mehr unterstützen. Du musst ihn beiseite schaffen, zu einem ‚geordneten Übergang‘ aufrufen, deine Liebe für die Demokratie bekunden und versuchen, den alten Status quo schnellstmöglichst wiederherzustellen. Genau dies geschieht gerade in Ägypten, obwohl wir nicht wissen, ob es diesmal funktionieren wird oder nicht.

Es gibt einen offensichtlichen Konflikt zwischen den Massen an demonstrierenden Menschen, die auf der Strasse bleiben und Demokratie fordern einerseits und andererseits jener alten Strategie zur Wiederherstellung der Kontrolle über sie. Diese beiden Bestrebungen widersprechen sich. Was sind nun aber die Möglichkeiten für eine wirkliche Demokratie?

Die Kräfte, die diesen Übergangsprozess überwachen, wollen keine wirkliche Demokratie. Die USA und Europa schrecken dort vor jeder Demokratie zurück, weil diese die Unabhängigkeit bringen könnte. So wird da also vom radikalen Islamismus gesprochen, ohne dass dies irgendeinen Sinn ergibt. Nehmen wir als Beispiel nur mal die USA und Grossbritannien. Sie haben traditionell den islamischen Extremismus gegenüber dem sekulären Nationalismus unterstützt. Das extrem islamistische und fundamentalistische Saudi-Arabien ist ihr engster Verbündete und ausserdem auch das ideologische Zentrum des islamischen Terrorismus. Trozdem ist es unser engster Verbündeter, und Obama verkauft Saudi-Arabien zur Zeit Waffen für 60 Milliarden Dollar!

In Pakistan, der anderen grossen Quelle des islamischen Terrorismus, waren die USA jahrelang eng verstrickt in die Islamisierung des Landes. Präsident Reagan, den heute alle feiern, war völlig einverstanden mit der Diktatur von Zia-ul-Haq, und dies war die übelste Diktatur in einer ganzen Reihe von grausamen Regimes. Und diese Diktatur entwickelte Atomwaffen. Die US-Regierung ging da den ganz anderen Weg der Unterstützung der radikalen Islamisierung mit der Gründung vieler Koranschulen mit Hilfe von Geldern aus Saudi-Arabien. In diesen Schulen wurde nicht gelehrt, sondern die Schüler sollten nur den Koran auswendig lernen und den Dschihad verinnerlichen. Das machte möglich, dass vor kurzem junge Rechtsanwälte die Mörder von Salman Taseer, den Gouverneur von Punjab, feierten und ihnen applaudierten.

Ägypten hat eine neoliberale Periode mit den üblichen Folgen hinter sich: Massenverelendung der Bevölkerung mit dem Anwachsen extremen Reichtums bei den privilegierten Kreisen, einschliesslich der Politikerkaste, der hohen Militärs, der Clans des Finanzkapitals und der Konzerne….

Die Taktik in diesen Tagen zielt darauf ab, die Bevölkerung, die protestierenden Menschen zu ermüden und zu demobilisieren. Die meisten Demonstrationsteilnehmer sind heute in Ägypten die armen Leute. Sie müssen irgendetwas zu Essen auf den Tisch bringen. Nun will man sie besänftigen und spekuliert darauf, dass sie irgendwann aus Hunger und Lebensbedürfnissen wieder in die schreckliche Normalität zurückkehren und sich fügen. Aber bisher ist unklar, ob die Machtorgane die Bevölkerung unter Kontrolle halten können. Die jetzt versuchte Strategie besteht darin, dass die ägyptische Armee die Ordnung mit Unterstützung der Mehrheit der Bevölkerung wiederherstellen soll.

Frage: Was ist Ihre persönliche Erwartung?

Chomsky: Dass die Demonstrationsteilnehmer ihre Ziele erreichen. Denn einige betrügerisch durchgeführte Wahlen mit einem betrügerisch zusammengesetzten Kongress waren in hohem Masse der Auslöser für den Protest. Sie sollen zu freien und sauberen Wahlen aufrufen und aufgrund solcher Wahlen kann sich die ägyptische Gesellschaft auf einen Weg des Wohlstandes für alle begeben. Aber das ist noch ein weiter Weg.

Frage: Hinsichtlich Israel-Palästina – wie verändert sich das Spiel dort?

Chomsky: Die USA haben da schon ihren Plan parat… Das Problem für Israel besteht darin, dass eine neue Regierung Ägyptens beschliessen könnte, keine historisch passive Rolle mehr zu spielen und nicht mehr mit der von den USA aufgepfropften Farce mitspielen will. Dasselbe steht in Jordanien an. Wenn du eine Demokratie hast, dann entscheidet das Volk, nicht mehr der Komplize der politischen Spiele zu sein, welche das Land bisher mitgemacht hat. … Die stärkste öffentliche Unterstützung für Mubarak kam aus Israel und Saudi-Arabien, von den traditionellen Verbündeten, die die Dinge weiter in der bisherigen Ordnung belassen wollen. Der einzige politische Kopf in der Welt, der in den letzten Wochen offen die Demokratie in der Region untersützt hat, ist Recep Tayipp Erdogan, der Ministerpräsident der Türkei. Er hat eine saubere Rolle in all dem Geschehen gespielt.

http://prodavinci.com/2011/02/12/noam-chomsky-%C2%A1democracia-ya/